Ich bin nicht kreativ

„Ich bin nicht kreativ“ – wieso das nicht stimmt

Vor einigen Wochen hatte ich ein Kennenlerngespräch mit einem Grafiker, der sich für ein Coaching interessiert. Bisher fertigt er Illustrationen im Auftrag anderer an. Nun will er eigene Bildgeschichten entwickeln, aber – so sagt er – es fehlen ihm die Ideen. Überhaupt wäre er ja gar nicht kreativ.

Das sagt jemand von sich, der – wie mir vorab ein Blick auf seine Website verraten hat – wunderbare Illustrationen zaubert. Mit einem sehr eigenen Stil.

Jeder Mensch ist kreativ, jeder

Den Satz „Ich bin ja nicht (so) kreativ“ höre ich häufig. Und er widerspricht allem, was ich weiß. Aus meiner Sicht ist jeder Mensch kreativ. Wir sind grundsätzlich eine kreative Species – sonst gäbe es uns Menschen gar nicht mehr. Ich muss nur spielenden Kindern zuschauen: Was die an kreativen Leistungen vollbringen, ist faszinierend.

Auch wenn wir meist in der Schulzeit oder spätestens im Berufsleben viel von unseren kreativen Fähigkeiten einschlafen lassen: Jeder Mensch kann kreativ sein – er oder sie traut es sich oft nur nicht (mehr) zu.

Nach meiner Beobachtung haben auch vermeintlich unkreative Menschen ständig Ideen oder Einfälle, und sie sind in der Lage, Probleme zu lösen, vor denen sie ganz unerwartet stehen.

Sie schenken ihre eigenen Ideen jedoch nicht die Aufmerksamkeit und Wertschätzung, die sie verdienen. Nach dem Motto „Wenn das von mir kommt, kann es ja nicht gut sein“ schätzen sie ihre eigenen Ideen nicht und machen nichts daraus. Wenn ich sie darauf anspreche, dass ich den Einfall spannend finde, kommt häufig ein „aber das ist doch nichts Besonderes“.

Lust auf ein Experiment?

Falls Du Dich auch öfter bei dem Gedanken ertappst, nicht kreativ zu sein: Wie wäre es mit einem Experiment?

1. Nimm Dir ein Problem, zu dem Du eine Lösung suchst. Oder eine Aufgabe, die Du in nächster Zeit anpacken willst.

2. Schau Dir meinen Blogbeitrag zu Kreativitätstechniken an und nimm die Techniken #1 („Knoten im Kopf lösen“) und #4 („Was würde Person X tun?“).

3. Sammle ein paar Tage lang alle Gedanken dazu, die Dir beim Spazierengehen, beim Duschen, auf dem Weg in die Arbeit oder auch beim Einfach-nur-Dasitzen kommen. Jeder Gedanke ist es wert, aufgeschrieben zu werden. Ohne Zensur und ohne „das ist doch Mist“.

4. Nach einer Woche schau Dir an, was Du notiert hast. Natürlich wird da auch viel „Mist“ dabei sein, unausgereifte Gedanken, Widersprüchliches – aber da werden auch einige Gedanken dabei sein, die weiterzudenken sich lohnen könnte.

5. Such Dir die Einfälle heraus, die Du „am wenigsten doof“ findest, und schau sie Dir mit den beiden Kreativwerkzeugen an, die ich hier im Schreib-Coaching-Blog vorgestellt habe: mit der Matrix-Methode und mit der PMI-Methode.

Das Ergebnis

Dieses Experiment (in etwas abgewandelter Form) habe ich übrigens auch dem Grafiker vorgeschlagen. Er hat dabei vier Ideen für eigene Bildgeschichten. Nach nur einer Woche.

Inzwischen kommt er zu mir ins Coaching, um sich dem Problem zu widmen, das hinter dem Ganzen steckt: seinen Selbstzweifeln und dem Gefühl, ein Hochstapler zu sein, wenn er sich als kreativ bezeichnet. Und dazwischen arbeitet er die Ideen zu Geschichten aus.

 

Bildnachweis

Das Titelfoto stammt von Nick Fewings (via Unsplash).