Erzählen Sie es Ihrem Smartphone

Diktieren statt selbst tippen„Ich habe jetzt schon wieder einen Schulungsauftrag verloren“, klagte kürzlich einer meiner Kunden.

„Auf einer Messe hatte ich einen Abteilungsleiter im Gespräch davon überzeugt, dass mein Anti-Burnout-Training für seine Mitarbeiter genau das Passende ist. Ich sollte dann für die Personalabteilung ein schriftliches Konzept liefern, am Telefon hatte ich schon die Konditionen und alles mit denen geklärt. Aber ich habe es sechs Wochen lang nicht geschafft, irgendetwas Vernünftiges aufzuschreiben. Gestern hab ich noch mal mit der Personalleiterin telefoniert – inzwischen haben sie jemand anderem den Auftrag gegeben.

Im Gespräch kann ich super erklären. Ich tu mir aber immer schwer, wenn ich etwas aufschreiben muss. Haben Sie da nicht einen Tipp für mich?

Wenn es gestelzt klingt

Das ist kein Einzelfall. Gerade begnadete Kommunikatoren tun sich oft schwer damit, etwas niederzuschreiben. Menschen, die in freier Rede brillant formulieren und argumentieren, finden das, was sie geschrieben haben, oft schrecklich banal oder viel zu gestelzt.

Das ist ganz normal, das gehört zum Schreibprozess dazu. Oft sieht man erst auf dem Bildschirm (oder Papier), dass das Geschriebene noch Lücken aufweist oder auch Widersprüche. Und dass die ein oder andere Formulierung doch nicht so brillant ist.

Das ist für viele schwer auszuhalten. Deshalb geben sie zu schnell auf oder schieben das Aufschreiben immer wieder vor sich her – manchmal zu lange. Damit vergeben sie eine große Chance, denn das (Besser-)Schreiben kann man lernen, und das Geschriebene kann man verbessern.

Dazu muss allerdings erst einmal etwas da sein, was man verbessern kann. Vielen ist nicht bewusst, dass auch glänzende Wort- und Satzakrobaten wie Thomas Mann das Geschriebene mehrfach überarbeitet haben.

Tipp: Schreiben lassen statt selbst tippen

Allen, die sich leicht tun mit dem Sprechen, empfehle ich diese Vorgehensweise:

1. Nutzen Sie die Diktiersoftware in Ihrem Smartphone oder verwenden Sie ein Diktiergerät. Erzählen Sie dem Gerät, was Sie aufschreiben wollen.

2. Lassen Sie dann das Diktierte von der App in eine Textdatei umwandeln – schon haben Sie eine Rohfassung, die Sie mit einem Textprogramm überarbeiten können.

Das hat nicht nur den Vorteil, dass Sie sich das Tippen sparen: Die Texte klingen dann auch so, wie Ihnen „der Schnabel gewachsen ist“. Und nicht furchtbar gestelzt und schwerfällig.

Zusatztipp: Wenn Sie Zuhörer brauchen

Falls es Ihnen schwer fällt, dem Smartphone zu diktieren, weil Sie ein Publikum brauchen: Dann erzählen Sie es einem Freund, einem Kollegen – und zeichnen Sie das mit dem Smartphone oder Diktiergerät auf.

Countdown zum Start

Wenn es Ihnen schwer fällt, mit dem Schreiben anzufangen, probieren Sie den 3-2-1-Countdown aus: Setzen Sie sich eine feste Uhrzeit, zu der Sie beginnen wollen, zum Beispiel 9 Uhr. Und fangen Sie, sobald es Punkt 9:00 Uhr ist, mit einem Countdown an. 3 – 2 – 1. Und dann beginnen Sie – unabhängig davon, wie Sie sich gerade fühlen.

Der Countdown wirkt nach meiner Erfahrung am besten, wenn Sie die Zahlen nicht einfach schnell herunterrattern. Bei mir funktioniert es am besten, wenn ich mir bei jedem Schritt kurz Zeit lasse, um mich immer stärker darauf zu konzentrieren, was ich gleich tun werde. Damit bündle ich meine Gedanken und fokussiere mich auf‘s Handeln (in diesem Fall auf das Schreiben).

Ein Trick dazu

Falls Sie Punkt 9 Uhr verpasst haben („innere Schweinehunde“ können ja sehr trickreich sein), warten Sie nicht bis 10 Uhr, sondern fangen Sie mit dem Countdown zum Beispiel um 9:07 Uhr an.

 

Das Bild stammt von Pixabay-Nutzer ClkerFreeVectorImages

Elmore Leonards 10 Regeln des Schreibens

Selbst wenn Sie den Namen des amerikanischen Krimiautors Elmore Leonard nicht kennen: Von den Hollywoodfilmen „Out of Sight“ (mit George Clooney und Jennifer Lopez), „Schnappt Shorty“ (mit John Travolta) oder „Jackie Brown“ (von Quentin Trantino) haben Sie sicher schon gehört. Die Romanvorlagen zu den Filmen stammen von Leonard.

Leonards Geschichten sind witzig geschrieben, leben von grandiosen Dialogen und finden immer wieder überraschende Wendungen.

10 Rules of Writing

Elmore Leonard's 10 RulesVor etlichen Jahren hat Leonard für die Reihe „Writers on Writing“ in der New York Times zehn „Rules of Writing“ zusammengestellt, die sich jeder Schriftsteller an den Bildschirm pinnen sollte und an die er oder sie sich – bitte – halten sollte. Zu finden ist der leider nur in Englisch vorliegende Artikel hier.

Die 10 Regeln übersetzt (im NY-Artikel sind sie witzig erläutert):

1. Fangen Sie ein Buch nie mit dem Wetter an.
2. Vermeiden Sie Prologe.
3. Verwenden Sie nie ein anderes Verb als „sagen“, wenn Sie Dialog schreiben.
4. Verwenden Sie nie ein Adverb, um „sagte“ zu modifizieren.
5. Seien Sie sparsam mit Ausrufezeichen.
6. Schreiben Sie nie „plötzlich“ oder „Die Hölle ist ausgebrochen“.
7. Setzen Sie Dialekt sparsam ein.
8. Vermeiden Sie detaillierte Beschreibungen der Personen.
9. Beschreiben Sie Orte und Dinge nicht zu detailliert.
10. Lassen Sie die Teile weg, die die Leser ohnehin überspringen.

Leonards Zusammenfassung: „Wenn es wie geschrieben klingt, schreibe ich es neu.“

Gedruckt

„Elmore Leonard‘s 10 Rules of Writing“ sind übrigens auch gedruckt erschienen. Hübsch illustriert gibt es die Regeln in einem 96-Seiten-Buch für 11 Euro (ISBN 978-0061451461) – ein schönes Geschenk für Schriftstellerkollegen und ambitionierte Schreiber.