Kaizen statt Perfektionismus

Jacob und ich hatten keinen guten Start miteinander. Bei einer Abendessenrunde hatte uns eine gemeinsame Freundin nebeneinander platziert und uns so vorgestellt: „Das ist Jacob, der größte Perfektionist, den ich kenne. Und das ist Franz, er hat ein Buch geschrieben, in dem er Perfektionisten beibringt, wie sie endlich ein richtiges Leben führen.“

Ich kam gar nicht dazu, zu sagen, dass in meinem Buch für Perfektionisten nicht steht, wie man ein richtiges Leben führt. Jacob war schneller: „Ich brauche keinen Ratgeber, schon gar keinen, der mir empfiehlt, mich mit halben Sachen zufrieden zu geben. Nur wer perfekt ist, ragt aus der grauen Masse heraus und kann Großartiges leisten. Ich gebe immer 150 Prozent, für alles andere ist mir meine Zeit zu schade.“ Er holte tief Luft und legte nach: „Und überhaupt: Wenn Du im OP-Saal liegst, dann willst Du sicher auch, dass der Chirurg perfekt arbeitet.“

Ich atmete erst einmal durch, bewegte den Kopf langsam hin und her und sagte dann: „Ich will, dass er keinen Fehler macht. Ob er mir nach der OP eine perfekte Naht setzt, ist mir egal. Hauptsache, er wird irgendwann fertig. Was mir nicht egal ist: Ich will nicht, dass er ewig überlegt, wie er den perfekten Schnitt ansetzt, während ich am Verbluten bin.“

Das mit dem „ewig überlegen“ und dem „Verbluten“ nahm mir Jacob offenbar krumm, denn er drehte sich weg und reagierte auf keins meiner Gesprächsangebote mehr.

Dabei hätte ich ihm gern erklärt, dass aus meiner Sicht nichts verkehrt daran ist, nach Spitzenleistung zu streben und keine gravierenden Fehler machen zu wollen. Dass es für mich allerdings einen klaren Unterschied zwischen Perfektionismus einerseits und dem Streben nach Spitzenleistung andererseits gibt. Perfektionismus, also das Streben nach absoluter Fehlerfreiheit, ist eine gewaltige Bürde, die Dich herunterzieht und belastet. Streben nach Spitzenleistung dagegen gibt Dir eine Ausrichtung, es gibt Dir Energie und bereichert Dich.

Falls Du hier mitliest, Jacob. Ich hätte mich gern noch über einige Punkte mit Dir unterhalten und gewusst, welche Erfahrungen Du damit gemacht hast:

Perfektion gibt es nicht

Perfekt gibt es nicht. Oder kannst Du mir sagen, wie eine perfekte OP-Naht aussieht? Oder wie ein perfekter Körper aussieht? Wie klingt ein perfekter Song? Was macht eine perfekte Mutter aus?

Perfekt ist subjektiv. Auf meine Fragen würde jeder eine andere Antwort geben. Und wenn ich Dich heute frage, wirst Du wahrscheinlich etwas anderes antworten als – sagen wir – vor fünf Jahren.

Ich wette mir Dir: Angenommen, ich setze mich jetzt hin, schreibe ein Gedicht und feile dann tagelang, bis ich es perfekt finde. Garantiert kommt dann irgendjemand und mäkelt an dem einen Nebensatz oder diesem Wort herum oder findet, dass es kein Gedicht ist, weil es sich nicht reimt oder…

Kleine (Teil-)Ergebnisse sind besser als keine Ergebnisse

Perfektionisten tüfteln häufig sehr lange herum, bis sie das perfekte Ergebnis haben. Häufig warten aber andere auf das, was wir liefern sollen, um damit weiterarbeiten zu können – in meinem Fall sind das die Lektorin im Verlag und nach ihr Korrektoren und Layouter. Solange ich meine Texte nicht abgebe, können sie nichts tun als Däumchendrehen. Und wenn ich meine Abgabetermine überziehe, weil ich weiter an den Formulierungen feile, dann wird die Zeit für die Leute, die in der Kette nach mir kommen, immer knapper. Am Schluss müssen Korrektorin und Layouter vielleicht sogar Nachtschichten einlegen, damit das Manuskript rechtzeitig in die Druckerei kommt.

Hinzu kommt, dass (vorher) die Lektorin erst spät sehen kann, ob das, was ich schreibe, überhaupt in die richtige Richtung geht, ob es den Wünschen des Verlags entspricht. Möglicherweise ist es dann für größere Richtungsänderungen schon zu spät. Oder aber ich muss noch einmal komplett von vorne beginnen und habe wochenlang umsonst gearbeitet.

Deshalb ist es in den allermeisten Fällen sinnvoll, frühzeitig erste Teilschritte abzuschließen und sich dazu Rückmeldungen einzuholen. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass das für Perfektionisten unheimlich schwierig ist, denn so setzen sie sich schon sehr früh möglicher Kritik aus.

Dafür aber senkst Du die Fallhöhe deutlich, wenn Du frühzeitig erste Ergebnisse vorzeigst: Stell Dir vor, Du feilst ein halbes Jahr an einem Projekt, und dann wird es kritisiert. Das ist doch erheblich heftiger, als wenn Du für etwas kritisiert wirst, an dem Du gerade einmal zwei Stunden gearbeitet hast.

Ich versuche inzwischen, die anderen Mitarbeiter am Projekt möglichst frühzeitig einzubinden, indem ich ihnen rasch erste Ergebnisse gebe. Dann können sie die lästige Fehlersuche übernehmen, während ich schon kreativ am nächsten Schritt arbeite. Kreative Arbeit finde ich zum einen viel befriedigender, zum anderen bringt sie mehr Ruhm ein.

Übung macht den Meister

In vielen Bereichen ist die erste Fassung alles andere als großartig. Romanautoren schreiben drei, vier, manche sogar noch mehr Fassungen ihres Buchs. Die allererste Fassung heißt im Englischen „shitty first draft“, also „beschissener erster Entwurf“. Den schreibt man, damit man etwas hat, was man verbessern kann. Kein Schriftsteller hat mit dem ersten Wurf gleich das finale Manuskript geschrieben (von Jack Kerouac, der „On the Road“ angeblich wie im Rausch heruntergeschrieben haben soll, weiß man inzwischen, dass das nicht stimmt). Große Maler wie Michelangelo haben zig Entwürfe gezeichnet und ihre Bilder teilweise noch während des Malens verändert.

Wenn Du das, woran Du arbeitest, frühzeitig anderen zeigst, dann bekommst Du Rückmeldungen aus verschiedenen Perspektiven. Du erfährst früh, ob die Idee überhaupt etwas taugt oder ob sie an den Bedürfnissen des Zielpublikums vorbeigeht. Du erfährst, was Deine Zielgruppe wirklich braucht. So lernst Du von anderen und bindest sie (siehe oben) gleich in die Suche nach eventuellen Lücken oder Fehlern ein.

So können auch das Feedback und die Erfahrungen aus einem Projekt in das nächste einfließen. Du lernst ständig dazu.

Perfektion macht nicht zufrieden

Wenn Du nach Perfektion strebst, bist Du die allermeiste Zeit unzufrieden. Entweder wirst Du mit Deinen Projekten nicht fertig, weil immer weiter feilst und zögerst. Oder Du gibst etwas widerstrebend aus den Händen (weil der Termin längst überschritten ist), das Deinen Ansprüchen nicht genügt. Du bist letztlich nie fertig und hast das befriedigende Gefühl, etwas geschafft zu haben.

Kaizen statt Perfektion

Vielleicht hast Du ja schon von Kaizen gehört, das ist das aus Japan stammende Prinzip der kontinuierlichen Verbesserung in kleinen Schritten. Hier steht das Streben nach schrittweiser Verbesserung im Mittelpunkt – Perfektion ist hier die Kompassnadel, nicht das (ohnehin nicht erreichbare) Ziel.

Das finde ich attraktiv, denn so habe ich bei jedem Schritt ein Erfolgserlebnis und lerne dazu. Außerdem muss ich nicht während des ganzen Feilens im stillen Kämmerlein fürchten, dass ich doch etwas übersehen habe und mir das am Ende des Projekts als Riesenklotz auf die Füße fällt.

So geht es jedenfalls mir. Ich hätte gern gewusst, wie Du dazu stehst, Jacob. Und ob Du vielleicht mal das Prinzip der kleinen Schritte ausprobieren möchtest.

Mein Buch für Perfektionisten

In meinem Buch zeige ich, wie man die unangenehmen Seiten von Perfektionismus (Angst vor Fehlern, vor Scheitern, vor Kritik, Aufschieben, hohen Druck, gesundheitliche Probleme) loslassen, entspannter leben und mehr schaffen kann. Wenn Du mehr wissen willst, hol dir die kostenlose Leseprobe.

Hinweise

Dieser Beitrag wurde zuerst unter dem Titel „Fertig statt perfekt“ bei MyMonk veröffentlicht.

Das Titelbild zeigt eine japanische Schale, deren Bruchlinien mit Goldlack repariert wurden; solche Schalen nennt man „Kintsugi-Schalen“ (jap. für „Goldflicken“). Das Foto stammt von Haragayato und steht unter der Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International Lizenz.