Hochstapler-Phänomen: Wenn keiner merken darf, dass Sie Fehler machen

Die amerikanische Schriftstellerin und Dichterin Maya Angelou (1928 bis 2014) soll einmal gesagt haben: „Ich habe elf Bücher geschrieben. Aber jedes Mal denke ich ‘Ohoh, jetzt werden sie’s rausfinden. Ich habe sie alle getäuscht, und sie werden mir auf die Schliche kommen.’“

Ein klassischer Fall von Hochstapler-Phänomen (oder Hochstapler-Syndrom – mehr zu den Begriffen am Ende des Beitrags).

Sehr häufig schätzen Menschen, die sich für Hochstapler halten, ihre eigenen Fähigkeiten und Leistungen falsch ein. Sie denken, dass ihre Erfolge nur aus Zufall oder Glück oder durch Fleiß oder Manipulation zustande gekommen sind. Zusätzlich haben sie ständig Angst, jemand könnte bemerken, dass sie allen nur etwas vorgemacht haben und gar nicht so intelligent oder begabt sind. Kurz: Es könnte herauskommen, dass sie im Grunde Hochstapler, Betrüger oder Blender sind. Ihre Angst ist es, aufzufliegen und wie der Kaiser im Märchen ohne Kleider da zu stehen.

Woran erkennt man das Hochstapler-Phänomen? Betroffene zeigen eins oder mehrere der folgenden Symptome:

  • Die Betroffenen versuchen, durch übermäßiges Arbeiten sicherzustellen, dass sie nichts übersehen und keine Fehler machen. Sie wollen unter allen Umständen vermeiden, Grund zu Kritik zu liefern.
  • Oder sie zeigen Aufschiebeverhalten: Sie schieben den Zeitpunkt immer weiter hinaus, ab dem andere erkennen könnten, dass sie Hochstapler sind.
  • Sie kämpfen ständig mit der Angst davor, mit anderen verglichen zu werden.
  • Sie vertrauen ihren eigenen Fähigkeiten nicht. Ebenso wenig trauen sie positiven Rückmeldungen.
  • Sie gestehen sich selten das Recht zu, Fertigkeiten erst erlernen zu müssen. Sie glauben, sie müssten diese Fertigkeiten schon besitzen.
  • Sie sind sehr vorsichtig und gehen keine Risiken ein. Sie halten sich bewusst im Hintergrund und werden nur in Situationen sichtbar, in denen sie sicher sind, erfolgreich zu sein.

All das, obwohl in den allermeisten Fällen harte Arbeit, Können, Kreativität und Mut hinter dem stecken, was sie geleistet oder geschaffen.

Wie mit dem Hochstapler-Phänomen umgehen?

  • Eins der wirksamsten Mittel ist genau das, wovor sich vermeintliche Hochstapler am meisten fürchten: Darüber sprechen. Das heißt nicht, dass Sie Ihre Angst öffentlich machen müssen, wie das der Schauspieler Tom Hanks und die Facebook-Managerin Sheryl Sandberg getan haben (beide haben in Interviews eingeräumt, unter dem Hochstapler-Phänomen zu leiden). Es reicht völlig, wenn Sie Ihre Angst ein, zwei Personen anvertrauen, die Ihnen wohlgesonnen sind (mehr dazu in den Übungen weiter unten).
  • Hilfreich ist auch, sich vor Augen zu halten, dass das Phänomen nicht dauerhaft ist und dass es situationsbezogen ist. Typischerweise kommt die damit verbundene Angst dann hoch, wenn man etwas besonders Schwieriges oder Bedeutendes tut, wenn es um etwas Wichtiges geht. Das heißt: Sie beschäftigen sich gerade mit einer herausfordernden Aufgabe – da ist es ganz normal, Angst zu haben, die Aufgabe nicht meistern zu können. Das heißt aber auch: Sie sind gerade an etwas dran, das persönliches Wachstum und Weiterentwicklung verspricht.
  • Halten Sie sich immer wieder vor Augen, dass Ihre Gedanken, nicht zu genügen, genau das sind: einfach nur Gedanken, mehr nicht.
  • Statt sich mit anderen zu vergleichen oder sich mit einem (oft nicht erreichbaren) Ideal zu messen: Fokussieren Sie Ihre Aufmerksamkeit darauf, welchen positiven Anteil Sie am Gelingen haben. Wahrscheinlich sehen Sie sehr genau, wo Sie Fehler machen und nicht genügen – konzentrieren Sie Ihre Aufmerksamkeit stattdessen darauf, was Sie gut gemacht haben, was Sie können, wo Sie sich angestrengt haben, wo Sie etwas gelernt haben.
  • Umgeben Sie sich mit Menschen, die Sie unterstützen und die die positiven Seiten in Ihnen sehen und schätzen.

Das Anti-Hochstapler-Training

Und jetzt wird es ganz konkret. Sprich: Tun Sie es. Entweder sofort oder in einer konkreten Situation, wenn die Angst, als Hochstapler entlarvt zu werden, hochkommt.

1. Darüber sprechen

Suche Sie sich eine Person, der Sie vertrauen und von der Sie wissen, dass sie Ihnen wohlgesonnen ist. Und teile Sie sich ihr mit: Vertrauen Sie ihr Ihre Ängste an. Bevor Sie Dich ganz verletzlich zeigen, sagen Sie der Person, dass sie am meisten hilft, wenn sie einfach nur zuhört und da ist. Sie soll nicht versuchen, Sie zu trösten oder zu sagen „ist doch nicht so schlimm“ oder „das stimmt doch gar nicht“. Einfach nur zuhören, mitfühlend zuhören (nicht mitleidig) – das ist das Beste, was sie tun kann.

2. Schreibübung: nur Gedanken

Das Hochstapler-Phänomen kann in schwierigen Situationen zu einer negativen Gedankenschleife führen. Hier ist es wichtig, aus der Schleife auszusteigen: Machen Sie sich bewusst, dass Gedanken wie „hoffentlich merkt keiner, dass ich nichts auf dem Kasten habe“ einfach nur Gedanken sind, mehr nicht. Nehmen Sie diese Gedanken wahr, und notieren Sie sie auf einem Blatt Papier. Lesen Sie die Notizen noch einmal durch, und schreiben Sie fett oder in roter Schrift darunter oder darüber „Das sind nur Gedanken“.

3. Die zweite Schreibübung: Fokus auf das Positive

Dazu empfehle ich zwei Dinge:

  • Nehmen Sie sich einen Zettel, und notieren Sie alles, was Sie in den letzten zwei Jahren geleistet haben. Schreiben Sie auch all die Kleinigkeiten auf, die gut gelaufen sind. Ergänzen Sie diese Liste alle drei Monate.
  • Falls die Hochstapler-Gedanken in einer konkreten Arbeits- oder privaten Situation aufkommen: Nehmen Sie sich einen Zettel, und schreiben Sie detailliert auf, was Ihr Anteil am Gelingen ist. Was Sie gut gemacht haben, wo Sie etwas gelernt haben. Es geht nicht darum, sich mit anderen zu vergleichen oder zu schauen, wie weit Sie von vermeintlicher Perfektion entfernt sind.

Das Aufschreiben hat den Vorteil: Sie haben Ihre Erfolge und positiven Seiten schwarz auf weiß vor Dir (nicht nur als flüchtige Gedanken im Kopf, die man leicht wegwischen kann). Dadurch fällt es Ihnen leichter, die positiven Dinge realistisch zu bewerten.

Außerdem können Sie die Liste später wieder hervorholen, um sich an Ihre Leistungen zu erinnern, wenn Sie mal in schlechter Stimmung sind.

4. Unterstützer suchen

Stellen Sie eine Liste mit Menschen zusammen, die Sie unterstützen und ermutigen. Versuchen Sie, pro Woche Zeit mit mindestens einer dieser Personen zu verbringen.

Hochstapler-Syndrom oder Hochstapler-Phänomen?

Den Begriff „Impostor Syndrome“ (Hochstapler-Syndrom) prägten 1978 die Psychologinnen Pauline Clance und Suzanne Imes. Sie hatten beobachtet, dass viele beruflich erfolgreiche Frauen glaubten, ihre Intelligenz und ihre Leistungen würden von anderen überschätzt. Lange dachte man, dass Männer für dieses Phänomen nicht (so) anfällig wären, das hat sich aber als Irrtum herausgestellt. Einer Studie von 1990 zufolge zeigt sich das Phänomen bei Frauen in Form von Vorsicht und Zurückhaltung, bei Männern dagegen in Form von hektischer Aktivität – Männer versuchen offenbar, ihre Kompetenz durch Aktivität zu beweisen.

Clance nahm später den Begriff „Syndrom“ zurück. Ein Syndrom ist eine Kombination aus verschiedenen Krankheitssymptomen. Und genau das ist das Hochstapler-Phänomen nicht. Es ist keine mentale Störung oder Krankheit, und es ist auch ein unveränderliches Persönlichkeitsmerkmal, wie man anfangs dachte – das heißt: Das Phänomen kann auch wieder verschwinden. Tatsächlich fühlen sich amerikanischen Studien zufolge 70 Prozent aller Menschen unter bestimmten Umständen als Hochstapler.

Hinweis: Dieser Beitrag stammt aus Lektion 4 meines E-Books „GUT GENUG: Von Perfektionismus befreien und entspannter leben“.

Das Titelfoto stammt von Pixabay-Nutzer Paul_Henri. Die anderen Fotos stammen von den Pixabay-Nutzern pasja1000 und Free-Photos.